Anthony Bourdain ist tot.

Ich habe Anthony Bourdain zum ersten Mal wahrgenommen, als ich mir im Jahr 2000, vor mittlerweile 18 Jahren, sein Buch „Geständnisse eines Küchenchefs“ kaufte. Es war vor allem das Cover des Buches, das mich ansprach: der Koch, der dort stand und einfach sau cool aussah - weniger die „Geständnisse“. Diese endlosen Enthüllungen langweilen eher, als dass sie aufregend sind. Danach tauchte er immer wieder auf - und fand seine Berufung in Reportagen und Dokumentationen fürs Fernsehen. Für seine Serie „No Reservations“ reiste er durch die Welt, aß und trank sich durch die lokalen Küchen. Und getrunken wurde viel. Ich habe zugegebener Weise nicht alle Folgen gesehen, aber in jeder Folge, die ich sah, hat das einen großen Raum eingenommen. Manchmal bekamen die Folgen zu viel Reality Soap Charakter, wenn Hoden und Heuschrecken ebenfalls mit viel Alkohol runtergespült wurden. Das, was ihn herausragend machte, war die Suche nach Restaurants oder Produktionen, die mit viel Leidenschaft sehr gutes Essen oder sehr gute Lebensmittel herstellen - jenseits von Sterneköchen und Spitzengastronomien. Die Geschichte des schweigsamen, alten Mannes in Hongkong, der in mühsamer Handarbeit seit Jahrzehnten chinesische Nudeln herstellt, werde ich nicht vergessen. Sein Sohn wollte den Job nicht übernehmen – zu mühsam, zu viel Arbeit - und auch bei den zwei weiteren traditionellen Nudelherstellern in Hongkong waren keine Nachfolger in Sicht. Das Produkt wird aussterben.

Die Suche nach genau diesen Geschichten hat Anthony Bourdain ausgezeichnet. Ich habe mit Unterbrechungen zweieinhalb Jahre in Argentinien gelebt. Die meiste Zeit in Cordoba und Buenos Aires. In Cordoba gab es ein kleines Restaurant, das ausschließlich typische argentinische Gerichte zubereitete – kein Asado, das typisch argentinische Grillen, sondern nur argentinische Gerichte, wie köstliche Empanadas, den typischen Maiseintopf Humita oder Locro Criollo, ebenfalls ein wunderbar dicker Eintopf. Dazu gab es solide Weine aus den argentinischen Anden rund um Mendoza oder eisgekühltes Quilmes-Bier. Das Restaurant war alles andere als perfekt. Die Holztische speckig, die Sanitäranlagen direkt neben der Küche in einem kleine Verschlag untergebracht. Aber das Essen war göttlich. Die drei zotteligen Köche in ihren fleckigen Schürzen wussten, was sie taten. Und sie taten es jeden Abend mit Hingabe. Belohnt wurden sie manchmal, zu fortgeschrittener Stunde, mit Gesangseinlagen von Gästen, begleitet von der Gitarre und viel Wein. Dann konnte man nicht nur sehr gutes Essen sondern auch atemberaubende Stimmen genießen. Genau das waren die Orte, die Anthony Bourdain aufspürte. Orte, wie es sie viel zu wenig gibt, und die immer weniger werden. Er tat das mit seiner eigenen, manchmal subtil melancholischen Art. Ich erinnere mich an die Folge über New York, wo er in einem New York Cab durch die Nacht fährt. Die Parallele zum Drama Taxi Driver von Martin Scorsese ist offensichtlich. Anders als bei Travis Bickle, dem Taxi Driver in Scorseses Film, endet das Leben von Anthony Bourdain am 8. Juni dramatisch, tragisch. Sein Gespür für das Wahrhaftige bleibt unvergesslich.

Von Stefan Rennicke, Geschäftsführer bei KAYA&KATO