Wie IBM und KAYA&KATO mit Blockchain Vertrauen und Transparenz in der Textilindustrie wiederherstellen wollen

1999 platzierte der verstorbene britische Designer Lee Alexander McQueen das Modell Shalom Harlow auf einer Drehscheibe zwischen zwei Industrierobotern. Als provokativen Abschluss der Schau für seine Herbst-/Winterkollektion besprühten die Roboterarme das Modell. Es war eine eher negative Vision davon, wie sich Automatisierung und Mechanisierung auf die Mode- und Textilindustrie auswirken könnten.

Heute, 22 Jahre später, hat die Branche längst deren positive Möglichkeiten entdeckt und E-Commerce, digitale Schnittmusterprogramme, 3D-Simulationen, Künstliche Intelligenz und Big Data sind zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Industrie geworden. Und obwohl es noch wichtige Fragen zu lösen gibt, haben die technologischen Fortschritte der letzten gut 20 Jahre weitgehend dazu beigetragen, die Standards in der Textilindustrie zu erhöhen und McQueens dystopisches Szenario zu widerlegen. Eine der positivsten Entwicklungen ist die Möglichkeit, den Käufern mehr Transparenz im Herstellungsprozess zu bieten. Der Co2-Ausstoß, Abfallreduzierung, Arbeitsbedingungen und Nachhaltigkeit in der Textilindustrie sind allesamt relevante Themen für den informierten Verbraucher von heute, der immer öfter wissen will, woher die Rohstoffe für Textilien kommen, wer sie näht und wie der ökologische Fußabdruck eines Kleidungsstückes aussieht. Studienergebnisse von IBM zeigen, dass Nachhaltigkeit für fast 80% der Verbraucher wichtig ist und 60% bereit wären, ihre Einkaufsgewohnheiten zu ändern, um die Umweltbelastung zu reduzieren.

 

Wie stellt man eine nachhaltige Produktion transparent dar?

2017 begann KAYA&KATO – ein junges Textilunternehmen aus Köln, das Arbeitsbekleidung herstellt – mit der Einführung vollständig zertifizierter Kleidungsstücke auf dem deutschen Markt. Seit damals wurden die KAYA&KATO Schürzen, Kochjacken, Hemden, T-Shirts, Hosen und Kasacks von zahlreichen Zertifizierungsstellen geprüft und zertifiziert. Mit dem Anspruch “We change Workwear” übernimmt das Unternehmen soziale und ökologische Verantwortung in der Textilproduktion von Berufsbekleidung. Die Bio-Baumwollprodukte sind GOTS-zertifiziert und mit dem Grünen Knopf ausgezeichnet. Darüber hinaus sind die Mischgewebe ebenfalls OEKO-TEX 100 und nach dem Global Recycled Standard (GRS) zertifiziert. KAYA&KATO bietet einen transparenten Einblick in die komplexe Lieferkette, dafür findet die Produktion ausschließlich in Europa oder in den Nachbarländern statt. Um qualitativ hochwertige Produkte herzustellen und faire Arbeitsbedingungen zu gewährleisten, pflegt KAYA&KATO zudem ein persönliches Verhältnis zu seinen Lieferanten. Die Zertifizierungen belegen diesen Weg, sorgen für Transparenz und schaffen Vertrauen bei den Kunden.

 

Blockchain verbindet Nachhaltigkeit und Digitalisierung

Den Weg zu mehr Nachhaltigkeit in der Textilindustrie ging das Unternehmen konsequent: Um die Nachhaltigkeit der Produktion digital beweisen zu können und so Vertrauen und Transparenz bei allen Stakeholdern zu gewährleisten, musste zunächst eine technologische Lösung her, aber welche? Schnell war klar, dass Blockchain alle Anforderungen erfüllen würde. Die Technologie ist besonders für komplexe Netzwerke ideal, weil sie autorisierte, dauerhafte und gemeinsam genutzte Aufzeichnungen von Waren und Dienstleistungen schafft, die Teil einer Lieferkette sind. Sie wird unter anderem mit der TradeLens-Plattform bereits erfolgreich in der Schifffahrtsindustrie eingesetzt und gewinnt auch in anderen Bereichen wie z.B. der Lebensmittelproduktion immer mehr an Bedeutung. Blockchain bietet die Möglichkeit, Netzwerke oder Ökosysteme auf Basis von Vertrauen und Transparenz zu schaffen. Sie kann auch zu einem hilfreichen Instrument bei der Einhaltung des Lieferkettengesetzes werden.

 

Die „textile trust“-Plattform macht Lieferketten transparent

Nach vorausgehenden Planungen entwickelten KAYA&KATO und IBM Ende 2020 innerhalb von acht Wochen einen Prototyp, der die Grundfunktionalitäten der geplanten Blockchain-Lösung abdeckt. Die dafür genutzte „Business Value Design Methode“ spielt dabei in der Entwicklung eine wesentliche Rolle und adressiert nicht nur das Netzwerk, sondern auch Themen wie Governance, Geschäftsmodell und Organisation. Das erstes Testprodukt der textile trust“-Plattform ist eine KAYA&KATO Schürze mit Biobaumwolle aus Uganda: Lieferkette, Produktion und die einzelnen Produktionsschritte bis hin zum fertigen Produkt wurden dabei in den Prototyp aufgenommen. Beginnend bei der Gin (Baumwoll-Entkörnungsmaschine) in Uganda, über die Garnspinnerei, Weberei, das Färben und Veredeln des Stoffes bis hin zum Konfektionär und dessen Lieferung an KAYA&KATO, sind alle Fertigungsschritte der Schürze in der Blockchain über sogenannte „Personas“ abgebildet. An der fertigen Schürze kann nun vom Konfektionär ein QR-Code am Etikett angebracht werden, um damit auch den Verbraucher über die Herkunft des Kleidungsstücks und die einzelnen Produktionsschritte aufzuklären.

Alle am Herstellungsprozess der Schürze beteiligten Produzenten und Verarbeiter können mittels einer mobilen Web-Applikation die Daten fälschungssicher übermitteln, einsehen und problemlos abrufen – auch über mobile Endgeräte. Diese Grundfunktionalitäten sollen jetzt – neben weiteren Rohstoffen und deren Lieferketten – gemeinsam mit Partnern aus der Textilindustrie ausgebaut werden.

 

 

Durch die Einführung der „textile trust“-Blockchain in die Lieferkette kann KAYA&KATO eine unveränderliche und transparente Aufzeichnung darüber erstellen, wie die Kleidungsstücke hergestellt werden – von der Faser bis zum Endprodukt. Auch die Rückverfolgbarkeit aller in der Produktion verwendeten Materialien kann so gewährleistet werden, und das innerhalb von Sekunden. Die Daten einer Transaktion können von allen Beteiligten eingesehen werden, weil sie in Blöcken aufgezeichnet und in Form einer unveränderlichen, chronologischen Kette gespeichert werden. Während sich das Textilgut entlang der Lieferkette fortbewegt, sind Aktualisierungen innerhalb der Blockchain jederzeit automatisch sichtbar. Am Ende der textilen Lieferkette wird ein QR-Code (siehe Foto) generiert, der Hersteller und Kunden über jeden Produktionsschritt des Textils im Detail informiert.

„Während unseres „textile trust“ Projektes habe ich gelernt, dass die Blockchain Technologie neben Transparenz und Rückverfolgbarkeit noch zahlreiche weitere Möglichkeiten bietet: Partizipation- und Interaktionsmöglichkeiten, den Einsatz von Augmented Reality etc. Und genau das nutzen schon einige Blockchain Lösungen. Dazu gelernt habe ich, dass die Technik für Unternehmen schon alle Möglichkeiten bereithält, um Lieferketten transparenter, partizipativer und zukunftsfähiger zu gestalten. Es ist nun an uns, die Lieferketten den technischen Möglichkeiten anzupassen, damit sie diesen Anforderungen entsprechen.“, sagt Stefan Rennicke resümierend.

 

Nachhaltigkeit in der Textilindustrie: Der Wandel beginnt Block für Block

Die moderne Textilbranche steht stark unter Druck: Genau wie in der Fleischindustrie hat sich auch hier eine völlige Loslösung des Konsumenten vom Produktionsprozess vollzogen. Die Arbeit, die heutzutage in die Herstellung von Textilien investiert wird, ist trotz des technologischen Fortschritts immer noch enorm. Neben der starken Verflechtung der Branche werden auch die Lieferketten immer komplexer. Der Preisdruck steigt – vor allem in der Berufsbekleidungsindustrie. KAYA&KATO erwartet nicht, dass sich die Kunden allein aufgrund der transparenten Dokumentation der textilen Lieferketten langfristig zu nachhaltigen, qualitativ hochwertigen und unter fairen Bedingungen hergestellten Produkten hinwenden. Die „textile trust“-Blockchain ist aber eine wichtige Basis für mehr Transparenz und Nachhaltigkeit in der Textilindustrie.

Die Vision von KAYA&KATO und IBM ist es mit der „textile trust“-Blockchain, eine Plattform zu schaffen, die sich für die gesamte Branche bewährt und zu einem gemeinsamen Werkzeug bei der Herstellung von Textilien wird. So dass mit jedem Block, der die Blockchain weiterschreibt, Nachhaltigkeit und Digitalisierung enger zusammenwachsen. Erste Gespräche mit textilproduzierenden und -verarbeitenden Unternehmen haben bereits stattgefunden. Interessierte können gerne direkt mit KAYA&KATO und/oder IBM Kontakt aufnehmen.

 

Autoren:

Dr. Stefan Rennicke, Gründer und CEO von KAYA&KATO
Christian Schultze-Wolters, Geschäftsbereichsleiter IBM Blockchain Solutions DACH

Fotocredit: Esther Mbabazi, Caritas