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13-09-2021

Lieferkette: Prinzip „Vermeidung statt Heilung“

Lieferkette: Prinzip „Vermeidung statt Heilung“  -

Wir werden immer wieder gefragt, auf welcher Grundlage wir unsere Lieferkette aufgebaut haben bzw. weiter ausbauen. Die Antwort ist simpel und immer gleich: unser Grundsatz lautet Vermeidung von Risiken vor Heilung von Schäden. Einfacher ausgedrückt: wenn wir glauben, Risiken nicht beherrschen oder einschätzen zu können, gehen wir sie nicht ein. Dieser Grundsatz geht einher mit der Überzeugung, dass die Anzahl unserer Partner überschaubar bleiben, die Zusammenarbeit so direkt wie möglich und langfristig angelegt sein soll.  

 

Risikoanalyse 

Grundsätzlich sind unsere Partner zertifiziert. Sollten wir tatsächlich neue Partner suchen – das kann vorkommen, weil Kapazitäten erhöht werden müssen oder spezielle Fähigkeiten notwendig sind, die die bisherigen Partner nicht leisten können, helfen beispielsweise Datenbanken der Standardgeber wie dem Global Organic Textile Standard (GOTS) bei der Suche. Das reicht aber nicht aus: oftmals bestehen Risiken allein aufgrund des geographischen Standorts. Um einschätzen zu können, wie hoch diese sind, haben wir ein standardisiertes Verfahren etabliert. In einem ersten Schritt wird eine Risikoanalyse auf der Grundlage zugänglicher Quellen wie die Clean Clothes Country Profiles, Fair Wear Risk Assements, Research Center for Employment Relations erstellt. Auch spielen Lieferwege eine weitere wichtige Rolle bei der Auswahl der Partner. Standorte mit kürzeren Lieferwegen werden längeren vorgezogen, um unnötig lange Transportwege und damit CO2 zu vermeiden. Ebenso konsultieren wir die Außenhandelskammern (AHK) in den entsprechenden Ländern, die mit ihren Kenntnissen vor Ort hilfreiche Einschätzungen geben aber auch aktiv bei der Suche nach Partnern unterstützen können.   

Wenn all diese Einschätzungen positiv ausfallen, findet eine Fact Finding Mission statt, bei der man nicht nur den Partner vor Ort kennenlernt, sondern gegebenenfalls auch mit der AHK vor Ort spricht oder Nichtregierungsorganisationen konsultiert. Auf Grundlage dieses Verfahrens haben wir beispielweise für uns zum jetzigen Zeitpunkt ausgeschlossen, in Asien konfektionieren oder produzieren zu lassen. Wir haben Produktionen und Konfektionen angeschaut, die übrigens auch zertifiziert waren. Sie haben uns nicht überzeugt. Auch haben uns Nichtregierungsorganisationen eindringlich erklärt, wie komplex die Probleme vor Ort sind, sodass für uns diese Standorte zum jetzigen Zeitpunkt nicht in Frage kommen. Das Risiko ist zu hoch. 

 

 

Stärkung von Partnern - Prinzip „Enabling“ 

Um Produktionskapazitäten ausweiten zu können und dabei auch Partner einbeziehen zu können, die noch nicht zertifiziert sind, haben wir 2019 das „Prinzip des Enablings“ entwickelt und eingeführt. Auf der Grundlage unserer Risikoanalyse beginnen wir auch die Zusammenarbeit mit Unternehmen, die noch nicht zertifiziert sind. Dies geschieht, wenn sich der Partner nach einem persönlichen Kennenlernen dazu bereit erklärt, gemeinsam mit uns innerhalb der nächsten 12 bis 18 Monate einen Zertifizierungsprozess zu durchlaufen, der im Idealfall erfolgreich abgeschlossen wird. Im Laufe der beginnenden Zusammenarbeit wird der neue Partnern dabei unterstützt, Standards zu verbessern oder neu einzuführen. Dies wurde bereits erfolgreich in Tschechien und Nord-Mazedonien umgesetzt: staatlich geprüfte Gebäudesicherheit wurde belegt, Sicherheitsmaßnahmen wie Notausgänge, Erste-Hilfe-Kästen etc. wurden nachgewiesen und ebenso gibt es Sicherheitsbeauftragte und ArbeitnehmervertreterInnen. Ein Beschwerdemanagement wurde implementiert und ein Pausenraum eingerichtet. Auch ein Verhaltenskodex war formuliert und als Dokument für jeden sicht- und lesbar in den Produktionshallen ausgehangen worden. Arbeitsverträge wurden innerhalb des Audits überprüft und auch die Warenflussdokumentationen optimiert. Das dies nicht immer klappt, haben wir in diesem Jahr festgestellt: Eine Zusammenarbeit haben wir beendet, weil sich der Partner letztendlich dagegen entschied, den Zertifizierungsprozess zu durchlaufen. 

 

 

Beschwerdemechanismen 

Bei unseren Besuchen indischer Betriebe sind wir auch durch eine Konfektion geführt worden, die zertifiziert war. Der Fabrikbesitzer oder Vorarbeiter ging vor uns her, hatte auf der Schulter ein Tuch, das er mit einem lauten Knall auf einen Tisch schlug, dabei rief er den Arbeiterinnen und Arbeitern laut durch die Produktionshalle „Smile“ zu. Alle setzen ein gezwungenes Lächeln auf und uns war sofort klar, dass wir nicht mit diesem Betreib zusammenarbeiten werden. Auch war die Einschüchterung der ArbeiterInnen spürbar. Für diese Einschätzung brauchte man keine Zertifizierung, sondern nichts anderes als gesunden Menschenverstand und ein klein wenig Lebenserfahrung. Ganz gleich welche Beschwerdemechanismen durch die in dem Betrieb stattgefundene Zertifizierung versprochen werden, kein vernünftiger Mensch kann ernsthaft daran glauben, dass sich diese eingeschüchterten Menschen jemals über ihren Arbeitgeber beschweren werden.  

Beschwerden können nur stattfinden und behoben werden, wenn ein Vertrauensverhältnis zwischen uns und den Produktionspartnern besteht, auf deren Grundlage wir und unabhängige Auditoren, die Möglichkeit haben, Gespräche mit ArbeiterInnen und ArbeitnehmervertretreterInnen zu führen. Darüber hinaus müssen die Beschwerden vom Produktionspartner ernst genommen und abgestellt werden. Dies geschieht nur, wenn wir unsere Partner kennen, unsere Zusammenarbeit vertrauensvoll und so direkt wie möglich ist und langfristig angelegt wird. Ein letzter wesentlicher Punkt: um Dinge positiv zu ändern, müssen wir eine Relevanz im betriebswirtschaftlichen Gefüge des Partners spielen. Anders ausgedrückt: unsere Aufträge müssen für ihn wirtschaftlich wichtig sein. Dies haben wir uns in den letzten Jahren mühsam erarbeitet und hatten Partner, die Geduld hatten und mit uns wachsen wollten. Dadurch konnten wir in den letzten Jahren viel bewegen. Aber, und auch das muss gesagt werden: viele Unternehmen in der textilen Lieferkette wissen mittlerweile, dass anständige Arbeitsbedingungen notwendig sind, um zukünftig wettbewerbsfähig zu bleiben. Das ist eine gute Entwicklung.  

Fotocredits: SEQUAL | Santanderina | KAYA&KATO 

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